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  • Nico Decurtins

Was bedeutet eigentlich Nachhaltigkeit im Sport?

Seit nunmehr gut eineinhalb Jahren treibt mich der Wunsch an, mehr Nachhaltigkeitsdenken in die Sportwelt zu bringen. Gelingt dies? Wie gelingt dies? Wo gelingt dies? Wann gelingt dies?
Ein Zwischenfazit.

Photo: Shutterstock


Wie alles begann...

Als ich mich dazu entschied, zwei Leidenschaftsthemen von mir kombinieren und zu meiner neuen beruflichen Mission machen zu wollen, wusste ich nicht so recht, auf was ich mich einlassen würde. Nachhaltigkeit war zweifellos auch schon 2021 in aller Munde. Doch seit ich meinen letzten Job aufgegeben hatte, war vieles passiert. Oder eben doch nicht vieles, sondern vor allem eines: COVID-19. Die Pandemie schüttelte unser aller Alltag durcheinander. Und sie schüttelte ganze Industrien durcheinander. Nicht zuletzt die Sportindustrie.


Ein strategisches Thema wie den Umgang mit Nachhaltigkeit in eine Branche bringen zu wollen, die mit Existenzängsten, leeren Stadien und finanziellen Rettungsschirmen zu kämpfen hatte, war ambitioniert. Oder eher naiv? Oder gar dumm?

Und dann wählte ich auch noch den Fokus auf die Schweiz, ein Land, in dem der organisierte Sport tendenziell nicht zu den Pionieren für ausserordentliche Themen gehört. Dass nämlich zumindest im Bereich Nachhaltigkeit oder CSR hierzulande kaum etwas getan wird, zeigte ziemlich schnell einmal ein Blick auf die Webseiten von Vereinen und Verbänden verschiedener Sportarten. Und Experten, welche sich auf das Thema Nachhaltigkeit im Sport konzentrierten, konnte ich an einer Hand abzählen.


Dennoch liess ich mich nicht von meinem grossen Ziel abbringen, für mehr Nachhaltigkeit im Schweizer Sport kämpfen zu wollen. Dafür war mir das Thema zu wichtig; war mir die Kraft des Sports zu gross; war mir mein eigenes Bestreben, den Sport für ein verantwortungsvolleres Schaffen zu gewinnen, zu wertvoll. Was folgte, waren intensive Monate, geprägt von wundervollen Begegnungen, erfüllenden Projekten und lehrreichen Aufgaben. Aber auch von Zweifeln, Enttäuschungen oder Momenten der Ernüchterung. Nur: Welcher Unternehmer kennt diese nicht? Und wieso sollte es für mich Abkürzungen geben auf meinem Weg zum Ziel, etwas wirklich nachhaltiges zu kreieren. Wie sagte schon der Architekt William McDonough so treffend: "Sustainability takes forever. And that's the point".



Projektauswahl

Nach eineinhalb Jahren ist es mir ein Anliegen zu teilen, an was ich bis jetzt als Sustainability Coach arbeiten durfte. Dies auch, weil ich aufzeigen möchte, wie vielschichtig Nachhaltigkeit im Sport sein kann, wie divers die Fragestellungen sein können, mit denen sich Sportorganisationen auseinandersetzen. Und weil ich mir wünsche, dass sich beim Durchlesen dieser Beispiele die eine oder andere Organisation vielleicht auch die Frage stellt, inwiefern sie noch etwas zu den Nachhaltigkeitszielen unserer Zeit beitragen kann. Ich versuche mich kurz und knapp zu halten. Wer Interesse hat an weiteren Details, kann gerne auf den jeweiligen Webseiten mehr erfahren oder sich mit mir direkt in Verbindung setzen.



Hockey Club Davos und Spengler Cup


Der Schweizer Eishockey-Rekordmeister ist ein Mandant der ersten Stunde. Zusammen mit einer internen Arbeitsgruppe haben wir neben einer IST-Analyse auch die Prioritäten in Sachen Nachhaltigkeit für den Verein und für das Traditionsturnier ausgearbeitet. Mit Hilfe einer eigenen Webseite und dem Claim "nachhaltig aktiv" legen wir dar, wo wir hinsichtlich ökologischer, ökonomischer und gesellschaftlicher Themen stehen. Ausserdem haben wir eine erste CO2-Bilanz erstellt, uns dem Klimaprojekt "Davos 2030" angeschlossen, über 3'000 CHF für Ukraine Flüchtlinge im Rahmen einer Upycling-Aktion eingenommen und am 4. Februar 2023 das erste Nachhaltigkeitsspiel im Schweizer Eishockey überhaupt durchgeführt. In Sondertrikots und mit verschiedenen Spezial-Aktionen wurde auf verschiedene Aspekte der Nachhaltigkeit aufmerksam gemacht.

Aktuell liegt der Fokus auf der Verbesserung der Mobilitätsmassnahmen für die Zuschauerinnen und Zuschauer sowie der Umstellung der eigenen Fahrzeugflotte. Mobilität ist ein Kernthema für sämtliche Sportorganisationen.



Swiss Ski

Der Schweizer Skiverband war einer der ersten Verbände, der eine Person für Themen wie Nachhaltigkeit oder Werte eingestellt hat. 2022 veröffentlichte er seine Nachhaltigkeitsstrategie 2022-2030. Zusammen mit der Firma "acting responsibly", mit der ich seit einem halben Jahr enger zusammenarbeite, sind wir aktuell daran, einen Leitfaden für Veranstalter von Schneesportevents zu entwickeln der ihnen helfen soll, die wesentlichen Nachhaltigkeitsthemen zu erfassen und zu adressieren. Der Leitfaden soll insbesondere an den Biathlon-, Freestyle und Ski-Weltmeisterschaften zum Einsatz gelangen, welche in den nächsten Jahren in der Schweiz stattfinden werden.

Nachhaltiges Eventmanagement gehört zu den Kerndisziplinen von Nachhaltigkeit im Sport. Das Gute daran ist, dass man auf einem relativen breiten Erfahrungsschatz aufbauen kann. Die Herausforderung darin, diese Erfahrungen auf ein lokales Einsatzgebiet herunter zu brechen und alle Interessen- und Anspruchsgruppen zu berücksichtigen.



Swiss Cycling


Der Radverband war an den vergangenen Olympischen Sommerspielen statistisch gesehen der erfolgreichste Teilverband von Swiss Olympic. Jetzt möchten die Verantwortlichen aus Grenchen auch in Sachen Nachhaltigkeit eine Vorreiterrolle einnehmen. In einem Sport, der zwar per se viel Nachhaltigkeit verspricht, aber durch Begleiterscheinungen wie Flugreisen oder motorisierte Tour-Trosse immer wieder in Verruf gerät.

Eine Nachhaltigkeitsstrategie wurde bereits formuliert. Jetzt helfe ich dem Verband zusammen mit "acting responsibly" eine bessere Übersicht über ihren CO2-Ausstoss zu erhalten, damit sie gezielte Massnahmen zu deren Reduktion einleiten können. Wie beim HC Davos kommt auch bei Swiss Cycling die Software von myclimate zum Einsatz.

Angesichts der bevorstehenden Strassen- (2024) und Mountain Bike (2025) Weltmeisterschaften in der Schweiz sicher der richtige Zeitpunkt für den Verband, sich Gedanken zu machen.



Schweizerischer Handballverband

Bereits vor meinem Einstieg in dieses Projekt entschied sich der Handballverband, das Thema Nachhaltigkeit in seinen Organisationsstrukturen zu verankern. Eine Person, welche sich um das Thema Partizipation kümmert, wurde eingestellt und zusammen mit ihr bin ich jetzt daran, eine Nachhaltigkeitsstrategie auszuformulieren. Diese beruht auf Basis einer Umfrage, die wir mit verschiedenen Anspruchsgruppen im vergangenen Jahr durchgeführt haben. Auch das ist ein wichtiges Element der Nachhaltigkeitsverankerung: dass man die relevanten Stakeholder mit an Bord hat, bevor man sich auf den Weg begibt.



DAS GRÜNE TRIKOT


DAS GRÜNE TRIKOT ist eine nationale Aktion, die unter anderem durch ENERGIE SCHWEIZ, Lokalhelden.ch (Raiffeisen) sowie die Ringier Mediengruppe unterstützt wird. Ihr Ziel ist es, die Energieeffizienz der über 18’000 Sportvereine zu verbessern. Um dies zu erreichen, werden diese Sportvereine fachlich, finanziell und medial unterstützt, um einen wertvollen Beitrag zur Erreichung der Energiestrategie 2050 zu leisten.

Als Berater konnte ich so bis dato bei vier Vereinen vorbeischauen und Empfehlungen für Verbesserungen im ökologischen Bereich platzieren.



Hochschule Luzern (HSLU) und Fachhochschule Graubünden (FHGR)


Was mit einem Gastreferat im Rahmen des CAS Sustainable Management an der Hochschule Luzern begann, mündete letztlich in der Betreuung zweier Abschlussarbeiten. In diesen ging es um das nachhaltige Eventmanagement des Musikevents Energy Air respektive das Leichtathletikmeeting Weltklasse Zürich und seine Nachhaltigkeitskommunikation. Arbeiten im akademischen Bereich empfinde ich als Privileg, weil es mir die Möglichkeit gibt, mich mit den Theorien des Nachhaltigkeitsmanagements auseinanderzusetzen.

Auch an der Fachhochschule Graubünden durfte ich zwei Input-Referate halten. Genau wie vereinzelte Webinare in der Schweiz und in Österreich, waren auch sie eine bereichernde Erfahrung.



RESPONSIBALL


Über meine Zusammenarbeit mit acting responsibly bin ich in meine Tätigkeit für den Verein RESPONSIBALL gekommen. Dieser macht seit über 10 Jahren ESG Rankings für Fussballvereine und zeigt so auf, in welchen Bereichen der Nachhaltigkeit diese die grössten Verbesserungsmöglichkeiten haben. Meine Rolle bei RESPONSIBALL fokussiert sich auf die Unterstützung in Kommunikationsfragen, auf die Verbesserung des Indexes und die Zusammenarbeit mit anderen Exponenten aus der ESG-Sportwelt, insbesondere in England. Ausserdem habe ich stärker Einfluss genommen auf das Projekt "Sport4Refugees", welches über RESPONSIBALL lanciert wurde.



Sport4Refugees


Seit 2022 bietet "Sport4Refugees" über eine Online-Plattform die Möglichkeit, Geflüchtete mit Sportvereinen zusammenzuführen. "Sport4Refugees" übernimmt die technische Koordination, die Schulung der teilnehmenden Vereine sowie einen Grossteil der administrativen Arbeit. Aktuell haben wir über 300 registrierte Flüchtlinge, 12 Vereine und 4 Verbände, welche unser Projekt unterstützen. Ich helfe mit beim Aufbau der Plattform und unterstütze den Projektverantwortlichen. Ausserdem kümmere ich mich um die Finanzierung in Form von Stiftungsgesuchen.



Green.Hockey


Eishockey ist zweifelsohne meine Sportart Nummer 1. Hier etwas zu bewegen und für mehr verantwortungsvolles Denken zu sorgen ist eine Herzensangelegenheit. Und so engagiere ich mich mittlerweile seit fast einem Jahr im Team von Green.Hockey um den ehemaligen Eishockey-Profi und heutigen Filmemacher Riccardo Signorell. Gemeinsam möchten wir dazu beitragen, dass der Eishockeysport energieeffizienter wird, dass es mehr Trainingsmöglichkeiten für die Jugendlichen gibt und dass auch Menschen in wärmeren Gefilden die Gelegenheit erhalten, das Spiel mit der schwarzen Hartgummischeibe zu spielen. Wohin dieses Projekt führen wird, werden die nächsten Wochen zeigen. Aber wir hoffen, dass bald auch in dieser doch eher traditionalistischen Sportart die Menschen an den Schalthebeln der Macht erkennen, dass etwas getan werden muss, um den Sport nachhaltig zu wachsen.



Upcycling mit Social Fabric


Mit dem Team um Ruth Kipping arbeitete ich insbesondere in den Wochen und Monaten nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs eng zusammen. Social Fabric half mit, aus hunderten nicht mehr gebrauchten HCD, ZSC Lions und SC Küsnacht Trikots Einkaufstaschen und Turnbeutel zu nähen, welche wir dann im Rahmen einer Sammelaktion verkauften. In welcher Form das Projekt weitergehen wird, steht noch nicht fest. Allerdings hat sich bereits ein HCD-Sponsor gemeldet und gefragt, ob er wieder Taschen haben könne - diesmal aus alten Stulpen.



Wann gelingt Nachhaltigkeit im Sport?

Aus meiner Sicht gibt es 10 Faktoren, die dazu beitragen, Nachhaltigkeit in einer Sportorganisation strategisch, langfristig und erfolgreich zu verankern.

  1. Nachhaltigkeit muss von Anfang an zu einem Teil der Organisations-Vision werden.

  2. Es braucht 100% Commitment von Seiten des Top Level Managements.

  3. Definiere, welche Themen für dich relevant ist und wie weit du gehen möchtest/kannst. Betrachte dabei Nachhaltigkeit immer aus Sicht der Triple Bottom Line: Umwelt, Soziales und Wirtschaftliches.

  4. Analysiere deine aktuellen Nachhaltigkeitsbemühungen um zu verstehen, wie die Ausgangslage ist, von der du startest.

  5. Arbeite mit einem 3-5-Jahresplan aber setze dir Jahresziele.

  6. Orientiere dich an bestehenden Frameworks wie den UN SDGs or dem UNFCCC Sports For Climate Action Framework.

  7. Integriere deine Mitarbeitenden in den Prozess, indem du eine Arbeitsgruppe machst. Und scheue dich nicht davor, auf externe Hilfe zurückzugreifen, wenn du punktuell Unterstützung brauchst.

  8. Suche den Dialog mit deinen Stakeholdern und eruiere Potenziale für gemeinsame Lösungen und Projekte.

  9. Sprich über das, was du tust. Tue dies transparent, ehrlich und klar verständlich.

  10. Zeige, dass es dir ernst ist und starte mit schnellen, einfach umsetzbaren, nachvollziehbaren Massnahmen. Quick wins kreieren Momentum - intern und extern.






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